Rutschgebiete mit Reaktivierungspotenzial – schlummernde Gefahrenherde in Hanglagen mit geologischer Prädisposition
Am Osthang des Gurnigel geriet ein Hang in Bewegung: Die Rutschung im Gebiet Ahörndler zerstörte Waldflächen und Wege und zeigte, wie sensibel solche Gebiete auf Wetter reagieren. Das Ereignis verdeutlicht die Bedeutung einer frühzeitigen Überwachung und Sicherung gefährdeter Hänge.
Im Herbst 2023 hatte sich im bewaldeten Gebiet Ahörndler am Osthang des Gurnigel (Wattenwil, Kanton Bern) ein Rutschgebiet reaktiviert. Erste Bewegungen konnten an einem alten Grossbruchrand auf rund 1'200 m ü. M. festgestellt werden, wo es in der Vergangenheit immer wieder zu Rutschungen gekommen war. Die Bewegungen dehnten sich bis zum Januar 2024 von diesem Grossbruchrand im Waldgebiet über mehrere 100 m hangabwärts aus, einen Monat später wurden auch besiedelte Gebiete am Waldrand in Mitleidenschaft gezogen. Durch die reaktivierte Rutschung wurden im Waldgebiet Erschliessungswege über eine Gesamtlänge von rund 1'000 m sowie einige ha Nutzwald zerstört. Das gesamte reaktivierte Rutschgebiet misst ca. 60 Hektaren und das Rutschvolumen wird auf ca. 5.0 Mio. Kubikmeter geschätzt.
Die Rutschung Ahörndler wurde mittels Photogrammmetrie, GPS, Radarinterferometrie, Webcams und Handmessungen überwacht. Dabei konnten im bewaldeten Hang seitliche Versätze bis gegen 100 m festgestellt werden, die Rutschgeschwindigkeiten erreichten lokal bis zu ca. 1m / Tag. Am Waldrand wurden Verschiebungen von mehreren m gemessen, mit Höhenveränderungen bis ca. 1 m.
Aufgrund der geologischen und hydrogeologischen Situation im Gebiet Ahörndler ist die Grunddisposition für das Vorhandensein von grossräumigen Permanentrutschungen gegeben, die reaktivierte Rutschung liegt in einem historisch bekannten Permanentrutschgebiet. Die dokumentierten Rutschereignisse an der oberen Gürbe und die Niederschlagsmessungen der letzten Jahrzehnte lassen den Schluss zu, dass vermehrt in nassen Wintern mit grossflächigen Reaktivierungen zu rechnen ist. Unwetterartige Starkregen oder anhaltend ergiebige Niederschläge über mehrere Tage in den Sommermonaten scheinen für eine grossräumige Reaktivierung nicht auszureichen.
Die reaktivierte Rutschung Ahörndler verdeutlicht, dass Rutschgebiete teilweise sehr sensibel auf Witterungseinflüsse reagieren und ein enormes Gefahrenpotenzial bergen können. Sich darin befindende Gebäude und Stassen sowie Nutzflächen können stark beschädigt werden, mit entsprechend hohem Schadenpotenzial. In diesem Sinne ist es wichtig, diese Hanglagen mit geologischer Prädisposition für Rutschungen vertieft abzuklären, um bestehende Infrastruktur besser zu schützen und für zukünftige Nutzungsvorhaben das Schadenpotenzial minimieren zu können.